Zum Inhalt springen

Der Wehrmann in Eisen

Ein Wehrmann mit Mantel und Gewehr steht vor dem Wieselburger Marktschloss. Mit großem Pomp wurde die hölzerne Soldatenskulptur am 16. Jänner 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, vor dem Marktschloss feierlich enthüllt. Der Wehrmann wurde erst in Ton hergestellt und auf einem Podest vor dem Schloss aufgestellt.  Sein hölzernes Abbild wurde zur Benagelung in einem schönen Jugendstil-Pavillon am Eingang zum Schlosspark platziert.  

Gegen eine Spende konnten die Einwohner Nägel in den Wehrmann einschlagen lassen. Ein Nagel kostete 20 Heller, was einem heutigen Gegenwert von etwa 20 Cent entspricht. Der Preis war so niedrig, dass sich jeder beteiligen konnte. Die Menschen drängten sich um den offenen Pavillon, in dem die Soldatenskulptur stand, auch in den folgenden Tagen ließ die Begeisterung nicht los. So kamen in kurzer Zeit 30.400 Kronen – heute wären das etwa 60.800 Euro – zusammen. Einen großen Teil des Wehrmannfonds erhielten nach dem Krieg Witwen und Waisen von gefallenen Soldaten.  

Wer den Wehrmann schuf, ist nicht mehr zu rekonstruieren. In den Gemeinderatsprotokollen ist von einem Bewachungssoldaten namens Schwarz die Rede. Der Heimatforscher Karl Kraushofer führte in seinen Texten einen Bewachungssoldaten namens Sluga als Bildhauer an, der auch andere Skulpturen und Bilder schuf. Möglicherweise handelt es sich bei Schwarz und Sluga um ein und dieselbe Person.  

Modell für den Wehrmann war der Rauchfangkehrer des Kriegsgefangenenlagers gestanden. Von Sluga (oder Schwarz) weiß man, dass er von Beruf Artist war und unter dem Künstlernamen John Hamilton in der Offiziersmesse des Kriegsgefangenenlagers, in Wieselburger Gasthöfen und nach dem Krieg im Wiener Prater auftrat. Nicht selten zeigte er seinen beliebtesten Trick, bei dem er sich vor staunendem Publikum um die Hälfte kleiner machte.  

Das Phänomen der Kriegsnagelungen war in Österreich-Ungarn und im deutschen Kaiserreich vor allem in der Bevölkerung äußerst beliebt. In hunderten Orten wurden Bilder oder Statuen aus Holz benagelt um Spenden für die Kriegskassa oder Kriegsopfer zu lukrieren. Der eigentliche Zweck der Nagelungen aber war es, die Menschen weiterhin für den Krieg, der laufend Opfer forderte, zu begeistern. Der damalige Wieselburger Bürgermeister Anton Fahrner meinte, dass mit dem Wehrmann „ein schönes, weit hervorragendes Denkmal für immerwährende Zeiten geschaffen wurde.“  

Der Wehrmann in Eisen steht heute noch als Mahnmal vor dem Schloss. Er soll davor warnen, dass die Menschen sich erneut für einen Krieg begeistern lassen. Sein tönerner Bruder wurde lange Zeit im alten Feuerwehrdepot verwahrt, gilt aber heute als verschollen.